Caritasverband für den Kreis Coesfeld e.V.
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Jahresbericht 2010/ 2011: Netze knüpfen
Die Rolle der verbandlichen Caritas in den pastoralen Räumen
Interview mit Weihbischof Dieter Geerlings
Was charakterisiert die verbandliche Caritas?
Die Pfarreien waren die Auftraggeber für die Gründung des Caritasverbandes und sind bis heute die tragenden Mitglieder dieses "eingetragenen Vereins". Sie hatten erkannt, dass den einzelnen Pfarreien für Dienste wie etwa der Erziehungsberatung oder der Suchtberatung oder den Bereich der Behindertenhilfe die fachlichen und personellen Ressourcen fehlten. Somit haben die Pfarreien die Felder der Caritas, die eine Wesensäußerung der Kirche ist, durch strukturelle Veränderungen verstärkt und miteinander verbunden.
Aufgrund der spezifischen Kompetenzen und Arbeitsweisen im Bereich der caritativen Dienste und Einrichtungen haben die Pfarreien der Caritas eine Vereinsstruktur gegeben, mit eigener Geschäftsführung, Verwaltung und bestimmten Organisationsabläufen, die anders sind, als in einer Pfarrei. Die ehrenamtlich verantwortete Gemeindecaritas ist im Bereich der Pfarrei geblieben, um das Spezifische ihrer Arbeit, die Nähe zum Lebensraum der Menschen, gewährleisten zu können.
Welche Chancen bietet die verbandliche Caritas für die Verkündigung der Kirche?
Mit ihren caritativen Diensten kommt die Kirche mit mehr und anderen Milieus in Kontakt als mit ihrer Pastoral. Im Krankenhaus etwa werden nicht nur Menschen behandelt, die der Kirche nahe stehen, sondern etwa auch "Hedonisten" oder "Moderne Performer", wie sie in Sozialstudien ("Sinus-Milieus") beschrieben sind. Diese werden nur noch selten von Gemeinden erreicht. Auch in Suppenküchen oder Kleiderkammern treffen die Caritas-Mitarbeiter potentiell auf andere Menschen, als sie zumBeispiel in den Sonntagsgottesdiensten zu finden sind.
Nach der Enzyklika "Deus caritas est" von Papst Benedikt XVI. darf der Caritas-Dienst am Menschen nicht missionarisch verzweckt
werden. Die Caritas hilft Menschen, die in Not sind - und lässt sie gehen, genauso wie Jesus es getan hat. Er hat nach der
Heilung die Menschen auch erst einmal weggeschickt. Das bleibt ein Stachel im Fleisch einer Caritas, die mit ihren Diensten
und Unternehmen im Wettbewerb steht und mit der Akquisition von "Kunden" zu tun
hat.
Wie kann Gott in der Caritas-Arbeit erfahren werden?
Über Gott kann man natürlich nicht verfügen. Man kann ihn nicht per Knopfdruck erfahrbar
machen. Aber: Die Gotteserfahrungen in der Bibel finden fast immer in sozialen Zusammenhängen statt, in denen sie auch als
solche gedeutet werden. "Wo zwei oder drei in meinem Namen zusammen sind, da bin ich mitten unter ihnen." "Was ihr den Geringsten
meiner Schwestern und Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Caritas-Situationen sind immer solche sozialen Situationen.
Rituale wie etwa das Auflegen der Hände oder eine Segengeste über Kranke oder Kinder können als Hinweis auf Gottes Gegenwart gedeutet werden. Oder anders: dass die Situation über die rein menschliche Begegnung hinausweist. Der Besuch der Krankenpflegerin beim Patienten oder die Beratungssitzung mit dem Suchtkranken können eine Form von Gottesdienst sein. Hilfreich ist die Anwendung des biblischen Deutungsinstrumentariums für unsere menschlichen Begegnungen, um ein Spürbewusstsein für eine religiös-spirituelle Dimension zu bekommen. Dazu müssen Caritas-Mitarbeiter ihren eigenen Glaubensweg immer wieder reflektieren und gestärkt werden, um etwa mit einem Gebet die Caritas-Situation im Lichte des Glaubens deuten zu können.
Wie kann das konkret gelingen?
In Bereich der Caritas gibt es Modelle, in denen die Teilhabe am seelsorglichen Dienst der Kirche gelebt wird, etwa die "Begleiter in der Seelsorge" in Einrichtungen der Behindertenhilfe. Diese geschulten und beauftragten "Begleiter in der Seelsorge" etwa im Caritas-Wohnheim Olfen und Lüdinghausen bleiben in enger Verbindung zum territorial verantwortlichen Ortspfarrer und haben damit auch Anteil am Dienst der Kirche und des Bischofs. Gleichzeitig bildet das Wohnheim eine Art "Kleine Gemeinschaft", die sich aufgrund der Verbandsstruktur selbst leitet, was in der verfassten Kirche kirchenrechtlich so nicht möglich wäre. Solche Teilhabestrukturen zum Beispiel können sich im Vollzug weiterentwickeln und künftig die Pastoral einer Pfarrei ergänzen und damit bereichern.


