Vertreterinnen und Vertreter der fünf Wohlfahrtsverbände sprachen in einer Podiumsdiskussion über aktuelle Herausforderungen. (Christian Germing, Julia Gakstatter, Christoph Schlütermann, Stefan Zimmermann, Melanie Queck und Stefan Werding, v.l.Caritas Coesfeld
Gegründet in einer Zeit umfassender Sozialreformen, steht die AG Wohlfahrt seit 1976 für eine trägerübergreifende Zusammenarbeit im Kreis Coesfeld. Trotz unterschiedlicher Strukturen und fachlicher Schwerpunkte verbindet die fünf Verbände ein gemeinsamer Auftrag: Menschen in schwierigen Lebenslagen verlässlich zu unterstützen, ihre Interessen öffentlich zu vertreten und die soziale Infrastruktur gemeinsam mit Kreis und Kommunen weiterzuentwickeln. Das Jubiläum war deshalb nicht nur Anlass für einen Rückblick, sondern auch für einen sozialpolitischen Austausch über aktuelle Herausforderungen.
"Wer soziale Infrastruktur sichern will, muss auch ihre Finanzierung sichern. Unsere Angebote dürfen nicht unter Finanzierungsvorbehalt geraten", betonte Christian Germing, Sprecher der AG Wohlfahrt und Vorstand des Caritasverbandes für den Kreis Coesfeld. Steigende Personal-, Sach- und Energiekosten können nicht dauerhaft durch Eigenmittel der gemeinnützigen Träger aufgefangen werden. Besondere Sorge bereiten den Verbänden Finanzierungslücken in der Pflege. Wird die vollständige Refinanzierung tariflicher Vergütungen eingeschränkt, geraten Dienste unter wirtschaftlichen Druck, obwohl sie gesetzlich beziehungsweise tarifvertraglich gebundene Löhne zahlen. Das gefährdet nach Einschätzung der AG nicht nur faire Arbeitsbedingungen, sondern auch die flächendeckende Versorgung. Ebenso kritisch sehen die Verbände Überlegungen, Beratungsaufgaben stärker bei Kostenträgern zu bündeln: Ortsnahe, niedrigschwellige Beratung müsse erhalten bleiben und dürfe nicht an der Lebenswirklichkeit hilfesuchender Menschen vorbeigehen.
Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr würdige im Interview mit Moderator Stefan Werding (v.l.) das Engagement der Wohlfahrtsverbände. Caritas Coesfeld
Landrat Dr. Christian Schulze Pellengahr hob die Niedrigschwelligkeit und Vielfalt der Angebote hervor. "Die Wohlfahrtsverbände sind für viele Fragestellungen wichtige Partner. Ihre Fachausschüsse und die AG Wohlfahrt geben der Politik wertvolle fachliche Beratung", sagte er. Zugleich machte er deutlich, dass Wohlfahrt nicht allein aus Eigenmitteln funktionieren könne und Politik vor der Aufgabe stehe, wesentliche Angebote dauerhaft zu erhalten.
In der von Stefan Werding moderierten Podiumsdiskussion machten die beteiligten Verbände deutlich, wie breit ihr Beitrag zur Daseinsvorsorge ist. Christoph Schlütermann, Vorstand des DRK-Kreisverbandes Coesfeld, verwies auf die starke ehrenamtliche Basis sowie auf die wirtschaftliche Bedeutung der Wohlfahrt und fragte, warum soziale Träger bei wirtschaftspolitischen Formaten wie Unternehmerfrühstücken häufig nicht mitgedacht würden. Julia Gakstatter, Kreisgruppengeschäftsführerin des Paritätischen, beschrieb die Vielfalt kleiner, eigenständig arbeitender Träger als besondere Stärke. Stefan Zimmermann, Vorstand der Diakonie West, mahnte angesichts wachsender Hilfebedarfe "fantasievolle Lösungen" an den Grenzen der Finanzierung an. Melanie Queck, Geschäftsführerin des AWO-Unterbezirks Münsterland-Recklinghausen, betonte zudem die Rolle der Wohlfahrt bei der Demokratiebildung: "Demokratie ist ein Grundbestandteil unserer Angebote. Wir wollen Zukunft mit Herz gestalten."
Gemeinsam fordern die Verbände von Bund, Land, Kreis und Kommunen auskömmliche Vergütungen, die Tarifsteigerungen und tatsächliche Kosten vollständig berücksichtigen. Förderprogramme müssten außerdem langfristig, planbar und bürokratiearm ausgestaltet werden. Investitionen in Innovation, Digitalisierung und neue Angebotsformen seien notwendig, um dem Fachkräftemangel und der demografischen Entwicklung zu begegnen; sie könnten jedoch nicht allein aus den laufenden Budgets finanziert werden. Zugleich warnte die AG vor einem Wettbewerb zwischen kommunalen Eigenangeboten und freien Trägern: Bewährte Aufgabenverteilungen und das Subsidiaritätsprinzip stärkten Vielfalt, Wahlmöglichkeiten und eine bedarfsgerechte Versorgung.
Für die kommenden Jahre sieht die AG Wohlfahrt zentrale Aufgaben in der Bekämpfung von Einsamkeit und Sucht, in der Unterstützung von Menschen mit komplexen Hilfebedarfen, in Demokratiebildung und im Umgang mit Fehlinformationen. Über allen Themen stehe die Wahrung der Menschenwürde. Auch unter schwierigen Rahmenbedingungen wird die Freie Wohlfahrtspflege ihre anwaltschaftliche Rolle wahrnehmen, Bedarfe sichtbar machen und sich für Menschen einsetzen, deren Stimme sonst zu wenig gehört.